
Zwei Brüder, zwei Welten, eine Kunst: Die Ausstellung „Gartner & Gartner – Introspektive“
Es ist ein echtes Novum, das sich in der Alfred-Kubin-Galerie präsentiert. Obwohl die Zwillingsbrüder Joachim Lothar Gartner und Hansjürgen Gartner bereits auf eine lange Historie gemeinsamer Ausstellungen zurückblicken, bricht dieses Projekt mit den Sehgewohnheiten einer klassischen Rückschau. „Introspektive“ statt Retrospektive lautet das Credo – eine tiefgründige, künstlerische Untersuchung zweier paralleler Lebenswege, die sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstrecken. Von den gemeinsamen Wurzeln in den 1970er-Jahren bis hin zu völlig gegensätzlichen Pfaden entfaltet sich hier ein faszinierender Dialog zwischen Geometrie und Seele, Ratio und Emotion. Wer die Magie hinter diesem Doppel-Lebenswerk verstehen will, muss tief in das Spannungsfeld zwischen Einsamkeit und Gemeinsamkeit eintauchen.
Der gemeinsame Kern und die Trennung der Wege
Die Architektur der Ausstellung spiegelt die Biografie der Künstler wider: Im physischen Zentrum – dem sogenannten „Nucleus“ – begegnen die Besucher den frühen Werken der Brüder. Damals teilten sie noch eine sehr nahe verwandte Bildsprache: den Phantastischen Realismus. Von diesem gemeinsamen Mittelpunkt aus entfalten sich ihre Entwicklungswege im rechten Winkel, um sich erst im Jahr 2015 in der gemeinsamen Trilogie „Maskierungen“ wieder unter dem Rubrum „Gemeinsames“ zu kreuzen.
Dazwischen liegt eine jahrzehntelange Evolution, in der sich die künstlerischen Handschriften deutlich voneinander wegbewegten:
- Joachim Lothar Gartner wendete sich nach der realistischen Phase verstärkt der Natur und Landschaft zu – spürbar unter anderem in seiner bekannten Toskana-Serie. Seine Arbeiten wurden zunehmend ungegenständlicher, die Materialität gewann an Gewicht. Waagerechte, Senkrechte, Winkel und geometrische Strukturen verdrängten schließlich die Farbe fast vollständig. Aus dieser reduzierten Raster- und Lichtästhetik erwuchsen über die Jahre beeindruckende, dreidimensionale Konstrukte wie das mehrfach gespiegelte „Objekt hexagonal“.
- Hansjürgen Gartner blieb im Gegensatz dazu der Figuration treu, wählte jedoch einen weicheren, organisch fließenden Ansatz. Seine Gemälde entwickeln sich oft aus einem tiefen, dunklen Grund – inspiriert von seinem seit Jugendjahren hochgeschätzten Vorbild Caravaggio. Die transparenten Figuren wirken wie „beseilte“ Wesen und laden das Auge ein, im Unkonkreten eigene Muster und Gesichter (Pareidolie) zu entdecken. Sein zentrales Thema bleibt das menschliche Ausgeliefertsein an die Vergänglichkeit, meisterhaft ausgedrückt in Lichtsäulen, die metaphorisch auf Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ anspielen.
Die erste echte Symbiose
Einen besonderen Höhepunkt der Ausstellung bildet die erste direkte Gemeinschaftsarbeit der Brüder, die auf Anregung des renommierten Übersetzers und Erzählers Franz Peter Künzel entstand. Als Basis dienten originale Plakatabrisse – keine Reproduktionen –, die von beiden Künstlern übermalt wurden. Für das geschulte Auge wird beim Betrachten schnell sichtbar, welcher der beiden Brüder mit seiner spezifischen Handschrift welchen Part der Übermalung übernommen hat.
Am Ende hinterlässt die Ausstellung existenzielle Fragen nach Identität, Alterität, Einsamkeit und Gemeinsamkeit. Eine endgültige Antwort gibt das Werk der Gartner-Brüder nicht – stattdessen schenkt es uns zwei unverwechselbare, authentische Bilderwelten, die sich stolz als bewusste Erben der Moderne behaupten.
Hier können Sie die Broschüre als PDF ansehen (und auf Wunsch herunterladen)
Über Hansjürgen Gartner (Biographie-Übersicht)
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